So oft passiert, dass Tierliebhaber oder Tierschützer bringt unbekannte Tier zu sich nach Hause. Und kein Wunder das folgendes geschieht: Mau-Katzen sehen genauso, wie jeder auf die Straßen in der Türkei oder Griechenland, nur Hauskatzen und Wildkatzen haben mit einander wenig zu tun.

"Normalerweise hätte sie Gartenhandschuhe angezogen. Tierschutzkatzen können unberechenbar sein, Silke Laube weiß das. Die Tiere aus Spanien und Sardinien, die bei ihr auf ein Zuhause warten oder endgültig bei ihr bleiben, haben oft schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Trotzdem müssen sie medizinisch versorgt werden. Und die Ohren dieses dreijährigen Neuankömmlings waren voller Milben. Doch die Salbe aus der kleinen Tube in Handschuhen an ihren Bestimmungsort zu bugsieren, war aussichtslos. Der Kater schien völlig entspannt, lag schnurrend auf  ihrem Schoß.  Um Zeit zu sparen, ließ sie die Handschuhe weg. Diese Entscheidung bescherte Silke Laube zwei Krankenhausaufenthalte und eine rechte Hand, die sie monatelang kaum benutzen konnte. Dabei hatte die Tube das Ohr des Katers nicht einmal berührt, ein eigenwilliges Geräusch reichte aus. Die Katze geriert in Panik und biss zu. Die Eckzähne drangen in den Mittelfinger der Tierschützerin. Das war am 30.Januar; die Schmerzen begleiten bis heute. Katzenbisswunden sehen harmlos aus. Sie sind klein, bluten kaum und schließen sich in wenigen Minuten. Genau das macht sie so tückisch. Die Bakterienmixtur in der Mundflora einer Katze gehört zur aggressivsten des Tierreichs. Mit ihren kleinen spitzen Zähnen impft die Katze diesen Coctail tief ins Fleisch ein. Etwa die Hälfte der Wunden entzündet sich. Hat sich die Punktion sich geschlossen, können die Bakterien ungestört im Gewebe ihr Unwesen treiben. Traf  der Biss Knochen oder Sehnen können sich Knochenmarkt, Gelenkkapseln oder Sehnen entzünden. Für Schwangere kommt die Gefahr einer Toxoplasmose hinzu – eine Infektion, die das ungeborene Kind schwer schädigen kann. Die meisten Katzenbesitzer ahnen davon nichts. Da ihre Samtpfoten nur in äußerster Not – etwa unter starken Schmerzen oder in Panik – wirklich zubeißen, haben die wenigsten Menschen Erfahrung damit und unterschätzen die Folgen. Von etwa 35.000 Tierbissen im Jahr gehen ohnehin nur fünf bis zehn Prozent auf das Konnte von Katzen. „Tierbisse sollten immer sofort ärztlich versorgt werden. Egal, zu welcher Tages- und Nachtzeit, egal, ob es ein Sonn- oder Feiertag ist“, rät jedoch Frank Brunkhorst vom Universitätsklinikum Jena, der auch Sprecher des Kompetenznetzes Sepsis ist. In der Notaufnahme werde die Wunde geöffnet und gründlich ausgewaschen, ein Antibiotikum helfe zusätzlich dabei, die Bakterien in Schach zu halten. Gelingt das, ist nach ein bis zwei Wochen alles vergessen. In der Regel jedoch kommen die Patienten zu spät, warten bis zum nächsten Morgen oder bis die Bisswunde ballonartig angeschwollen ist. Je größer der Entzündungsherd, desto größer ist jedoch auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Hand operiert und im Notfall sogar Teile amputiert werden müssen, um die Infektion einzudämmen. Gelangen die Erreger in die Blutbahn, droht eine lebensbedrohliche Vergiftung, eine Sepsis. Von den 150.000 Menschen, die Jahr für Jahr in Deutschland eine Sepsis erleiden, haben das nur ein Prozent einer Bisswunde zu verdanken. „Aber gerade nach Tierbissen sehen wir sehr schwere und tödliche Verläufe“, sagt Brunkhorst.  Besonders gefährdet seien Menschen, deren Immunsystem unterdrückt wird – etwa durch eine Krebsbehandlung oder durch Rheumamedikamente. Menschen, denen zum Beispiel nach einem Unfall die Milz entfernt wurde, rät er gänzlich von Haustier ab. Silke Laube gehörte zu keiner Risikogruppe. Doch Eigenartige: obwohl der Erreger in praktisch jedem Katzen- und Hundemaul vorkommt, schaffen es die meisten Menschen trotzdem, ihn in Schach zu halten. „Wir wissen nicht, woran das liegt“, sagt Cornelis. Möglicherweise ist die enorme genetische Vielfalt des Erregers der Grund, vielleicht liegt es auch an Menschen. Die meistens Opfer des Bakteriums sind über 50 Jahre alt, manche haben ein Alkoholproblem, bei anderen wird das Immunsystem medikamentös unterdrückt. Aber auf 40 Prozent trifft nichts davon zu. Ob es auch Silke Laube mit Capnoycytophaga canimorsus zu tun hatte, weiß sie nicht. Was auch immer in ihren Hand tobte – erst nach acht Wochen und zwei  Krankenhausaufenthalten ging die Entzündung merklich zurück. Mittlerweile steht sie wiedervoll im Berufsleben, auch wenn die Beweglichkeit ihrer rechten Hand nach wie vor eingeschränkt ist. „Man lernt, viel über links zu machen“, sagt sie."

Stuttgarter Zeitung Nr. 182, von 9.August 2011 „Wenn sie zubeißen, dann richtig“, Jana Schlütter"


Nachtrag:

Dem Kater trägt die Tierschützerin nicht nach, sie ist höchstens noch etwas vorsichtiger im Umgang mit Neuzugängen: „Das Tier hatte doch nur Angst!“

O-je Mensch lernt nie was... Bitte vorsichtig mit Wildkatzen, weil Wildkatzen kann nie umziehen oder erziehen
Phaselis 9.November 2010
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