Die Kirschen für Nachbars Katze

Unser Nachbar hat seit einigen Monaten eine Katze. Einen Kater, um genau zu sein. Und damit haben wir auch einen. Denn kaum, dass er bei unserem Nachbar eingezogen war, begann er mit seinen Erkundungstouren in der Gegend. Dabei stolperte er zwangsläufig über uns.

Die ersten Begegnungen verliefen äußerst distanziert – und nahmen für ihn einen tragischen Ausgang …

Der kleine Kater hatte es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, draußen auf der Terrasse auf dem Gartentisch zu sitzen, um uns von dort durch die große Wohnzimmer-Fensterscheibe näher unter die Lupe zu nehmen.

Eines Tages aber war er mit seinen Nachforschungen über uns fertig. Offensichtlich hatte er entschieden: „Von diesen merkwürdigen Zweibeinern geht keine Gefahr aus.“ Also war es Zeit für Schritt zwei: Betreten der Wohnung. Entsprechend setzte sich der kleine Kater kerzengerade auf den Gartentisch – und machte sich mit einem kräftigen Sprung auf den Weg zu uns.

Er kam niemals bei uns an …

Denn es gab etwas Trennendes zwischen ihm und uns: die Wohnzimmer-Fensterscheibe. Und genau so, wie man es aus Zeichentrickfilmen kennt, machte es erst „Bum!“ – und dann rutschte unser kleiner Freund, alle Viere von sich gestreckt, langsam die Scheibe herunter.

Zwei Wochen lang wurde der Kater daraufhin nicht mehr gesehen … so lange dauerte es, bis er den Mut für einen neuen Anlauf fand. Diesmal positionierte er sich – gelernt ist offensichtlich gelernt – vor der Terrassentür, wo er geduldig wartete, bis wir ihn endlich entdeckten.

„Katerchen ist da“, rief meine Holde entzückt, als sie ihn dort erblickte, und eilte herbei, um ihm die Tür zu öffnen. Mauzend kam der Kater herein. Übersetzt hieß sein Mauzen wohl: „Ihr habt mich aber ganz schön lange warten lassen …“, denn meine Holde antwortete sofort: „Du musst auch klopfen“, während der Kater bereits mit der Inspektion seines nunmehr um unser Haus erweiterten Reichs begann.

Der erste persönliche Kontakt verlief noch etwas distanziert:

Wir beobachteten den Kater skeptisch, während er das Haus inspizierte, um sicherzugehen, dass er nichts anstellt. Er beobachtete derweil, während er das Haus inspizierte, uns. Wohl um sicherzugehen, dass wir derweil nichts anstellen.

Doch wie es der Zufall so will:

Als er in der Küche ankam, stand auf einmal die Kühlschranktür offen, und ein Stück klein geschnittener Wurst fiel genau in den Katzenfressnapf, von dem weder meine Holde noch ich wissen, wo wir ihn herhaben. Eigentlich haben wir auch nie kleingeschnittene Wurst im Kühlschrank. Denn wir wissen ja, dass man fremde Tiere nicht füttern soll.

Zufrieden und satt zog der kleine Kater von dannen. Und kam wieder …

Das tut er seitdem etwa dreimal am Tag. Und er klopft. Ich schwöre: Er klopft! Dabei habe ich nicht die leiseste Ahnung, ob er den Tipp meiner Holden, zukünftig doch bitte anzuklopfen, wirklich verstanden hat oder nicht. Wie auch immer:

Gestern hat es wieder geklopft. Diesmal aber nicht zaghaft und leise an der Terrassentür, sondern lauter an der Wohnungstür. Unser Nachbar stand davor.

„Wir, also meine Frau, die Kinder und ich, haben festgestellt, dass unser Kater Sie öfter besuchen kommt. Dafür wollte ich mich entschuldigen.“
„Aber das macht doch nichts“, entgegneten meine Holde und ich wie aus meinem Mund. „Er ist doch so lieb.“
„Unangenehm ist uns das doch. Und wir haben auch eine Bitte: Sie füttern ihn doch nicht, oder?“
„Nein“, entgegneten wir beide unisono, während ich unauffällig versuchte, die im Flur stehende Einkaufstüte zu verdecken, aus der zwei Packungen Katzenfutter ragten. Meine Holde stellte sich derweil geschickt vor den Dielenschrank, auf dem zwei Flaschen Katzenmilch standen.
„Dann ist ja alles in Ordnung“, sagte unser Nachbar – und verschwand.

Dafür klopfte es nun an der Terrassentür. Katerchen wollte rein. Bevor wir öffneten, schauten wir links und rechts, ob die Luft rein ist. Sie war es – und dem Kater wurde aufgetan.

„Mau“, machte er, was wohl so viel heißen soll wie: „Lasst euch nicht abschrecken. Solange ihr mich füttert, ist alles in Ordnung!“ Und um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, ließ er sich gleich fallen und ausgiebig kraulen – was er sonst nur selten zulässt. Katzen und Kater haben ein feines Gespür für schwierige Situationen.

„Wir sollten den Kater wirklich nicht füttern“, sagte ich, während ich in der Küche verschwand, um die Katzen-Schlecker-Stangen zu suchen, die ich neulich, ganz aus Versehen, im Supermarkt gekauft hatte. Sie waren wohl in meinen Wagen gefallen, und als ich an der Kasse stand, war es zu spät, sie wieder zurückzubringen.

„Lass doch die Stangen!“, rief meine Holde entsetzt. „Du hast doch gehört, dass wir ihn nicht füttern sollen. Außerdem haben wir“, sagte sie, während sie den Kühlschrank öffnete, „doch noch die Katzenwurst. Die hat mir neulich aus Versehen der Metzger von REWE mitgegeben.“

Der Kater beobachtete derweil unser Treiben und setzte sich auf die Decke, die aus Versehen in seiner Lieblingsecke vor der Heizung liegt. Geduldig wartete er, bis meine Holde ihm die Katzenwurst klein geschnitten und in seinen Katzennapf gefüllt hatte. Kaum stand dieser auf dem Boden, kam er mit erhobenem Schwanz und leisem Brummen majestätisch herangeschwebt. Zufrieden machte er sich über den Inhalt des Napfes her.

„Wir sollten ihn wirklich nicht füttern“, seufzte meine Holde.
„Du hast recht“, entgegnete ich. „Und nun lass uns die Katzenmilch und das Katzenfutter aus dem Flur verstauen. Wer weiß, wann unser Nachbar wieder klopft. Ach ja, und weißt du, wo die Katen-Kaudrops sind?“
Ein Seufzen folgte vor der Antwort: „Da, im Schrank. Gleich neben der Packung mit dem Katzengras. Dass du auch nie weißt, wo die Sachen für unseren Kater sind.“

Günter Stein, 9.April 2010